Mist Falls

Mist FallsIch stelle mir vor, wie so ein kleiner Gorge-Wasserfall verkündet: „Wenn ich mal groß bin, will ich so berühmt wie Multnomah Falls werden und alle sollen mich fotografieren und ich will auf jeder zweiten Postkarte, die in Oregon verkauft wird, abgebildet sein.“ Was würde man so einen ambitionierten kleinen Wasserfall raten? Karriereplanung für Wasserfälle sozusagen.

Also erstmal sollte der kleine Wasserfall natürlich an seiner Höhe arbeiten. Wenn er nicht zu den höchsten Wasserfällen der Gegend gehört, dann wird es auch nichts mit dem großen Ruhm. Als zweites ist es natürlich wichtig, dass der Wasserfall gut erreichbar ist. Also am besten am Historic Highway, wo die allermeisten Touristen langkommen. Idealerweise vielleicht sogar noch ein Zugang direkt vom Freeway. Was nützt es der höchste und schönste Wasserfall zu sein, wenn man abgelegen irgendwo in einen schwer erreichbaren Winkel liegt. Und zu guter Letzt hilft es mit dem Ruhm sicherlich auch noch, wenn der Wasserfall irgendetwas Besonderes hat, seine eigene Note, die ihn von den anderen Wasserfällen unterscheidet.

Mist FallsAll das hat sich Mist Falls zu Herzen genommen. Mit 158m (520ft) Fallhöhe ist er fast doppelt so hoch wie die Watson Falls bzw. die Salt Creek Falls im Süden Oregons. Von  beiden wird fälschlicherweise immer wieder behauptet, sie seien der zweithöchste Wasserfall Oregons. Ich wüsste in der ganzen Gorge nur einen Wasserfall der höher ist als Mist Falls und das ist Multnomah Falls. Also hoch ist er schon mal. Wie sieht es mit der Erreichbarkeit aus? Mist Falls liegt keine 100m vom Historic Highway entfernt und dazu ist er von allen Gorge-Wasserfällen auch noch derjenige der am besten vom Freeway aus zu sehen ist. Also auch hier alles bestens. Hat er eine eigene Note anzubieten? Nun, zum einen fällt er sehr malerisch vor einer Schicht rötlichen Säulenbasalts herab und dann hat er sich noch ein besonderes Lichtspektakel ausgedacht, dazu später mehr.

Also alles richtig gemacht, kleiner Wasserfall! Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn Du nicht einer der bekanntesten Wasserfälle der gesamten Columbia River Gorge oder gar Oregons bist, oder?

Die traurige Wahrheit: kaum jemand kennt Mist Falls, er ziert ganz selten mal ein Photo und Postkarten gibt es schon gar nicht von diesem Wasserfall. Was ist denn da bloss schief gelaufen? Der arme Mist Falls hat sich leider den ungünstigsten Ort in der ganzen Gorge für seinen Auftritt ausgesucht. Wen interessiert der zweithöchste Fall der Gorge, wenn der höchste keine Meile entfernt ist? Die Mist Falls liegen ganz in der Nähe der Multnomah Falls und die stehlen ihrem kleinem Bruder komplett die Schau. Aber hier soll der Wasserfall jetzt mal die Aufmerksamkeit bekommen, die ihm gebührt.

Mist FallsDie Mist Falls speisen sich wie die beachbarten Wahkeena Falls aus einer Quelle am unteren Hang des Larch Mt. und stürzen in zwei Teilen von einem steilen Basaltfelsen oberhalb des Historic Highway etwa einen Kilometer westlich der Multnomah Falls. Der obere Abschnit ist ein relativ unspektakulärer etwa 70m hoher Fall, der sich nach unten hin etwas auffächert. Die eigentliche Show ist der gut 90m hohe untere Fall der zum Teil frei von einer Felskante vor einer Schicht aus rötlichen Basaltsäulen herabfällt. Er ist auch für den Namens des Wasserfalls verantwortlich, denn bei kräftigem Wind, der in der Gorge ja keine Seltenheit ist, wird dieser freifallende Teil hin und hergepustet und scheint sich bei wenig Wasser im Bach und viel Wind sogar ganz in feine Gischt aufzulösen, so dass er nur noch ein Nebel (engl. mist) ist.

Wer den Mist Falls ein wenig Aufmerksamkeit schenken will hat dazu mehrere Möglichkeiten. Von der Benson State Recreation Area, die direkt am I-84 liegt, sieht man den Wasserfall aus etwas Distanz in voller Länge. Die Recreation Area dient vor allem dazu Anglern den Zugang zu zwei Seen, die sich zwischen Historic Highway und Freeway befinden, zu ermöglichen. Mist Falls befindet sich hinter dem westlichen der beiden Seen. Mist FallsWenn man von der Autobahn abgefahren ist, sollte man also gleich einen der ersten Plätze auf dem grossen Parkplatz nehmen. Dort geht ein kleiner Pfad zu zwei Stegen im See, von denen aus man einen schönen Blick auf die Basaltfelsen mit dem Wasserfall und den See im Vordergrund hat. Es lohnt sich ausserdem an der Ausfahrt entlang wieder Richtung Freeway zurückzulaufen. Dort ist ein alter Feldweg, der langsam von Brombeeren überwuchert wird, von dem aus man einen Blick relativ frontal auf den Wasserfall hat. Selbst wenn man mehrere Perspektiven für ein paar Bilder nutzen will, wird der Fotostop an der Benson State Recreation Area nicht viel mehr als eine Viertelstunde in Anspruch nehmen. Das führt zu einem kleinen Gewissenskonflikt, denn die Recreation Area ist ein State Park mit einer Day-Use Fee von 5$. Das ist natürlich vor allem im Hinblick auf die Angler eingeführt worden, aber für Wasserfall-Fotografen gibt es keine Sonderregelung. Und in einem State Park gilt auch weder der Northwest Forest Pass noch der National Park Pass. Ich überlasse es jedem, mit sich selber auszumachen, ob man für einen schnellen Fotostop die Tagesgebühr entrichten will oder nicht. Für ganz eilige reicht zur Not auch ein Stop direkt an der Ausfahrt, von wo man einen recht schönen Blick auf den Wasserfall hat, ein oder zwei Fotos und dann gleich wieder rauf auf die Autobahn.

Wenn man ein wenig mehr Zeit über hat und dazu auch ein wenig abenteuerlustig ist, dann bieten die Mist Falls eine der einfacheren Möglichkeiten Ziele jenseits der markierten Trails zu erforschen und zugleich auch ein wenig in die Geschichte der Gorge und des Historic Highway einzutauchen. Dazu parkt man an einem kleinen Pullout am Historic Highway, der sich eine Viertelmeile westlich des grossen Parkplatzes an den Wahkeena Falls befindet. Dort findet man einen kleinen Pfad der den Hang zu den Mist Falls hoch geht.

Multnomah LodgeAber bevor man sich auf den Weg macht sollte man kurz noch einmal den Blick senken. Ein Stein im Boden erinnert an die Multnomah Lodge die 1916 gebaut wurde. Diese Lodge die aufgrund ihres ähnlichen Namens oft mit der Multnomah Falls Lodge an den Multnomah Falls verwechselt wird, war ein kleines Hotel mit Restaurant am Fuße der Mist Falls und in der Hochzeit des Historic Highway Anfang des letzten Jahrhunderts ein beliebter Stop für Reisende.Mist Falls Lodge Kamin Auf dieser Website findet man alte Fotos und einen kurzen Abriß der Geschichte der Lodge. Das hölzerne Gebäude, das später in Mist Falls Lodge umbenannt wurde, brannte 1929 ab, wurde nicht wieder aufgebaut und geriet zusammen mit dem einst recht bekannten Wasserfall in Vergessenheit. Inzwischen hat sich die Vegetation den Platz an dem die Lodge stand zurückerobert. Aber nicht ganz! Wenn man dem kleinen Pfad ein paar Schritte folgt sieht man auf der linken Seite den alten Steinkamin der Lodge im Wald stehen, der als einziger das Feuer überstanden hat. Wenn man einen kleinen Abstecher zum Kamin gemacht hat, geht es zurück zu dem Pfad, der zu den Mist Falls führt. Der Weg dorthin auf der Westseite des Mist Creek ist zwar mit ein paar hundert Metern nur sehr kurz, aber dafür führt die erste Hälfte sehr steil über loses Geröll, was nicht jedermanns Sache ist. Für alle zwei Schritte nach oben rutscht man einen wieder runter. Da kommt man gut ins pusten und fluchen. Wenn man aber einen grossen Felsen auf halben Weg umrundet hat wird es etwas besser. Mist FallsEs ist zwar immer noch recht steil, aber dafür wird der Trail besser und man bekommt durch die Bäume eine Sicht auf Mist Falls. Alles in allem sollte man aber nicht viel mehr als 10 Minuten oder eine Viertelstunde brauchen. Der Pfad endet direkt unterhalb der Mist Falls inmitten von einer Unmenge von Thimbleberry-Büschen, deren rote Beeren im Frühsommer eine leckere Stärkung anbieten. Hier kann man nun den unteren Teil der Fälle mit der interessanten Basaltformation von ganz Nahem bewundern. Bei Wind ist es besonders interessant zu beobachten wie die Fälle sich hin- und herbewegen. Und selbst an einem Labor Day, wo sich die Autos vor den Multnomah Fall kilometerlang auf dem Historic Highway stauen kann man sich so gut wie sicher sein, die schönen aber unbekannten Mist Falls gleich um die Ecke ganz für sich haben.

Mist FallsUnd zu guter Letzt bietet Mist Falls im Frühjahr und Sommer noch eine besondere Lichtshow. Am späten Nachmittag beleuchtet die hochstehendene Sonne zwar die Wasserfälle aber die dahinterliegenden Felsen bekommen kaum Licht ab, so dass man einen gleissend hellen Wasserfall vor dunklem Hintergrund hat, was recht beeindruckend aussieht. Manchmal beleuchtet die Sonne auch nur einen Teil des unteren Falls, so dass es aussieht, als ob dieser mitten in der Luft abgeschnitten ist, da man den dunklen Teil kaum erkennt. Um das zu beobachten muss man einen Standpunkt östlich vom Wasserfall haben. Die Benson State Recreation Area eignet sich zwar dafür, aber noch besser ist es am I-84 Parkplatz an den Multnomah Falls ganz bis zum äussersten Ende zu laufen und Fotos von dort zu machen. Das beste Licht hat man allerdings vom Freeway Richtung Westen aus kurz hinter den Multnomah Falls. Allerdings ist es keine gute Idee dort auf dem Seitenstreifen anzuhalten, da der an der Stelle recht schmal ist und es mit der Linkseinfahrt von den Multnomah Falls dort oft ein wenig hektisch zugeht. Aber mit geputzter Frontscheibe kann der Beifahrer ja mal sein Glück probieren und einfach draufhalten. So ist das folgende Foto übrigens auch entstanden:Mist Falls

Wann am besten hin?

Mist Falls HerbstDie schönste Jahreszeit an den Mist Falls ist der Spätherbst wenn die Bäume an dem Fuß der Fälle sich gelb färben und es schon genug Regen gegeben hat, dass der Fall wieder gut gefüllt ist. An sonnigen Tagen hat man am Nachmittag und Abend das beste Licht auf den Fällen, da dann zumindest im Frühjahr und Sommer die roten Basaltsäulen warmes Licht von der Seite bekommen. Das ist dann sogar dem bedeckten Wetter vorzuziehen, bei dem man normalerweise gerne Wasserfallaufnahmen macht. Und wenn man nach den Menschenmassen an den Multnomah Falls ein wenig Ruhe braucht, dann bieten die Mist Falls schon fast Einsamkeit direkt nebenan.

Wann lieber nicht hin?

Die Mist Falls speisen sich aus einem recht kleinen Einzugsgebiet, daher werden sie im Hochsommer mehr noch als andere Fälle sehr sehr dünn. Ab so etwa Anfang August ist der Wasserfall nicht mehr besonders beeindruckend und erholt sich erst wieder mit den ersten ergiebigen Regenfällen im Herbst. Durch die Lage der Fälle im Norden einer steilen Felswand sind die Mist Falls besonders anfällig für das Gegenlicht einer hochstehenden Mittagssonne. Daher sollte man für Fotos einen Besuch in der Mitte des Tages vermeiden.

Wie kommt man hin?

Die Benson State Recreation Area hat wie erwähnt eine eigene Abfahrt mit der Nummer 30 direkt vom I-84 kurz westlich der Multnomah Falls. Leider ist sowohl die Abfahrt als auch die Auffahrt nur mit dem Freeway Richtung Osten verbunden. Das ist besonders ärgerlich wenn man am späten Nachmittag von der Gorge aus Richtung Portland fährt und schönes Licht auf den Mist Falls sieht. Dann muss man 5 Meilen weiter Richtung Westen fahren denn erst an der Ausfahrt 25 “ Rooster Rock State Park“ hat man wieder die Möglichkeit auf den Freeway in Richtung Osten zu wechseln, der einem die Abfahrt an der Benson State Recreation Area erlaubt. Insgesamt also ein Umweg von 10 Meilen. In Gegenrichtung kann man schon nach einer Meile an den Multnomah Falls von der Ost-auf die Westrichtung wechseln.

Der kleine Pullout am Historic Highway, von dem aus man zu den Mist Falls hochklettern kann, ist nicht irgendwie markiert oder beschildert, aber trotzdem eigentlich recht einfach zu finden. Wenn man von Westen her kommt, dann sollte man spätestens an der Abfahrt 28 „Bridal Veil“ auf den Historic Highway wechseln. Von der Stelle wo die Abfahrt auf den Historic Highway trifft fährt man noch 2,2 Meilen entlang des Historic Highways. Dann befindet sich auf der linken Seite der See an der Benson State Recreation Area und der Pullout, der zwei bis drei Autos Platz bietet, ist rechts direkt hinter einem gelben Schild, das vor kurviger Strasse warnt und Tempo 25 empfiehlt. Sollte man dort wider erwarten keinen Platz finden gibt es noch einen weiteren etwas grösseren Parkplatz kurz westlich davon.

Wenn man vor Osten her kommt liegt der Pullout am Ende einer Linkskurve eine Viertelmeile hinter dem Parkplatz an den Wahkeena Falls. Es ist die erste Möglichkeit hinter den Wahkeena Falls auf der linken Seite der Strasse zu parken.

 Meine MeinungMist Falls

Ein absolutes Pflichtprogramm ist Mist Falls sicher nicht, aber wer ein wenig abenteuerlustig ist und die Gorge auch mal off-the-beaten-track erforschen will, für den bieten die Mist Falls direkt am Historic Highway eine relativ einfache und schnelle Möglichkeit das zu tun. Ein kleiner aber durchaus lohnender Abstecher, den so gut wie niemand macht.

Wenn es auf dem Weg liegt, sollte alle anderen auf jeden Fall schnell für ein kurzes Foto an der Benson State Recreation Area anhalten. Für Fotografen und Wasserfall-Freunde lohnt es sich bei schönen Nachmittagslicht oder kräftigen Herbstfarben für den Fotostopp auch einen kleinen Umweg in Kauf zu nehmen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Wasserfälle abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s